392 Kilometer Gravel – auf der Suche nach den perfekten Routen auf Fuerteventura
- Seb Breuer

- vor 2 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
Hi, ich bin Seb. Der ein oder andere kennt mich eventuell durch „European Connect“, meine Siege bei Badlands und Unbound oder durch ein paar weitere verrückte Offroad-Aktionen irgendwo auf diesem Planeten.
Ich bin der Typ, der für die Routenauswahl beim ersten Gravelcamp von 808 und Scyence auf Fuerteventura zuständig ist.
Zu meinen Stärken zählen neben Kaffee kochen und einen passablen Reifenluftdruck zu finden, eben das besagte Routenscouting. Besser gesagt, ich liebe es.
Dazu zählt neben dem für mich sehr meditativen Linienziehen am Rechner bei Komoot auch das Rausgehen und das Selbstrausfinden. Einfach machen und drauflosfahren, schauen, wo man rauskommt oder wo eben nicht.
Mögliche Risiken sind überschaubar, speziell wenn es sich bei der Destination um eine Insel handelt. Links Strand, rechts Strand und ein paar Berge. Easy. Aber ganz ohne ist das natürlich trotzdem nicht.
Was ist, wenn die Strecke sich in einen unbefahrbaren Track ändert, das ausgesuchte Café nur Tee im Angebot hat oder der Strand so einladend aussieht, dass du direkt dort bleiben willst?
Aber mal ganz im Ernst: Wer von euch ist schon mal als Routenverantwortlicher auf eine Insel geflogen, wo er zuvor noch nie unterwegs war? So ist es mir nämlich passiert.
Der Anruf von 808
Kurz zum Hintergrund: Im November erreichte mich der Anruf von 808. Es meldete sich Brian. Ein ziemlich locker wirkender Typ mit einer genauen Mission.
Man suche nach einem Gravel-Athleten. Anforderungen sind gutes Handling auf dem Rad, Routenkenntnisse und eine gute Portion Erfahrung im Gelände. Diese müsse man auch vermitteln können.
Weitere Anforderungen seien ein freier Zeitslot im Januar, Arbeiten im Team und der Verzicht auf guten Kaffee, weil man schließlich auf Fuerteventura plane.
Ein paar von den Anforderungen hörten sich also ganz passend an und da war es naheliegend, einfach den eigenen Namen in die Auswahl zu packen. Es gab scheinbar nicht allzu viel Konkurrenz, mein Flugticket war nämlich am Ende des Gesprächs bereits gebucht.
Ankunft auf Fuerteventura – Reality Check
07.01.2026, Aufschlag auf Fuerteventura. Eine Insel irgendwo neben Afrika unter spanischer Flagge mit viel Sonne im Januar. Herrlich!
Der TUI-Ferienflieger voller deutscher Rentner setzt pünktlich um 10 Uhr auf und schnell werde ich am entsprechenden Schalter empfangen. Der neue Animateur sei da. Geht ja gut los. Animateur …
Ankunft am Hotel Las Playitas, rund zwei Stunden später, Rad aufbauen und raus in die neue Welt.
Die Realität hatte an diesem Tag aber vermutlich den besseren Reifenluftdruck gewählt und holt mich daher schnell ein. Böser, böser Hardcore-Gravel im Wechsel mit endlos langen Washboard-Passagen.
Washboard ist der Typ von Untergrund, der durch Autos und Vegetation im Wechsel entsteht und jeden Gravel-Piloten fluchen lässt. Bitte was? Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Zwei Tage vor Campstart
Etwas frustriert hänge ich abends über meinem Teller Nudeln, auch die Ankunft von meinem Freund und Coach Lukas Löhr kann daran nicht so viel ändern.
Zusammen mit ihm werde ich dieses besagte erste Gravelcamp leiten. Offizieller Start übrigens in zwei Tagen.
Also die Kurzfassung würde verlauten lassen, dass wir beide mit einer Wasserpistole zu einer Schießerei angereist sind.
Auf der Habenseite stehen derzeit nur ein paar fetzige neue Trikots von 808 und Lukas’ neuer Haarschnitt. Keine sehr große Ausbeute.
Also: scouten
Was also tun? Richtig, wir müssen scouten. Koste es, was es wolle.
Was Lukas zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist, dass es ihn dabei kosten wird. So wie es eigentlich oft der Fall ist, wenn wir zwei zusammen unterwegs sind.
Unser „Rund um Köln“-Ritt steckt ihm bis heute in den Knochen (Anmerkung der Redaktion: Das Rund-um-Köln-Video findet ihr auf YouTube, Popcorn und Taschentücher nötig). Aber zu den Leiden des jungen Lukas später mehr.
Der Plan: eine Insel in einer Ausfahrt
Wie können wir in dieser kurzen Zeit eine Insel kennenlernen, die geschätzt so groß ist wie das Saarland? Richtig, wir müssen sie abfahren.
Aufgrund der besagten Zeitproblematik – die ersten Gäste reisen 48 Stunden später an – musste das Ganze also innerhalb einer einzigen Ausfahrt über die Bühne gehen. Schnell ein paar Linien bei Komoot ziehen, daraus eine 400 Kilometer lange Route formen und das Wichtigste: Lukas nicht einweihen, nur so grob. Besser ist es.
Ein paar Infos musste ich ihm aber schon geben. Als ich ihm geraten habe, rund 1 kg an Carbs (Kohlenhydrate in Pulverform) mitzunehmen, wurde ihm schnell bewusst, worauf er sich (mal wieder) eingelassen hatte und vor allem, wem er die Planung für diese Aktion überlassen hatte. Er sollte es ja inzwischen eigentlich besser wissen.
Es gab allerdings jetzt kein Zurück mehr. Und wenn wir schon dabei sind, warum fahren wir das ganze Ding nicht gleich mal auf Zeit?
Im Netz gibt es ja unzählige Routen, angelegt als FKT (Fastest Known Time). Leider besagte das Reglement, dass man einen FKT alleine bestreiten muss. Weil Abenteuer wie dieses aber zu zweit viel schöner sind, noch dazu, wenn du einen deiner Buddys dabei hast, gab es hier nicht eine Sekunde des Zweifelns: Unser FKT war also illegal. Das sollte man form halber an dieser Stelle erwähnen.
Key Facts
Was lag also vor uns? 400 Kilometer, rund 5.500 Höhenmeter und jede Menge Neuland. Das übrigens im wahrsten Sinne des Wortes. (Die Komoot-Route findet ihr hier)
05:00 Uhr – Boys of Summer
Für den Start hatten wir uns die unchristliche Uhrzeit von 5:00 Uhr morgens überlegt, so könnten wir abends noch am Buffet zuschlagen. Klingt vernünftig – in der Theorie.
Um Punkt 5 rollten wir also vom Hotelgelände. Die von Lukas eingepackte Bluetooth-Box wummerte in voller Lautstärke. Mit „Boys of Summer“ in den Ohren nahmen wir den legendären roten Radweg weg vom Playitas. Dieser ermöglichte uns ein kurzes Einrollen auf Asphalt.
Schluss mit lustig wurde es aber schon ein paar Minuten später. Mit Vollspeed ging es aus der Abfahrt in das erste Gravel-Segment, übersät mit Washboard der härtesten Variante. Geht ja schon gut los.
Sonnenaufgang im Inselinneren
In der Dunkelheit suchten wir uns unseren Weg. Vorbei an verlassenen Ruinen, verschlafenen Dörfern und kurzen Asphalt Abschnitten.
Unsere Strecke führte uns erst mal ins Inselinnere, grobe Richtung Tiscamanita, bevor es wieder zurück zum Meer gehen sollte. Der Plan war es, den perfekten Sonnenaufgang zu erleben. Genau dort wollten wir ihn erleben.
Ich hatte schon etwas Arbeit in diese Planung gesteckt und auch auf die kleinen Details wie die entsprechende Sicht aufs Meer geachtet. Unterdessen war Lukas in seiner Rolle als DJ richtig aufgeblüht. Passend zum Sonnenaufgang holte er die Titelmelodie von „Fluch der Karibik“ raus. Ich kann euch sagen, Freundschaft braucht in diesen Momenten nicht viel mehr. Wir hatten den perfekten Moment, kosteten das voll aus. Wir waren auf dem Höhepunkt. Gleiten so dahin, jeder von uns in seinen Gedanken.
Bis zu dem Moment, als dann plötzlich die Strecke keine mehr war. Scheinbar hatte hier ein Unwetter ein paar Tage zuvor zugeschlagen. Also Rad schultern und laufen. Die Sonne wanderte unterdessen unaufhaltsam Richtung strahlend violetten Himmel. Ein Anblick, den du so schnell nicht vergisst. Einer dieser konkurrenzlosen Momente auf dem Fahrrad. Unbezahlbar und unbeschreiblich.
Salinen, Vulkan, Corralejo
Es ging vorbei am Flughafen der Insel und der imposant wirkenden AIDA in Puerto del Rosario.
Dann wurden wir das erste Mal so richtig gefordert. Leicht feucht-matschige Salinenfelder mit festgefahrenen Spurrillen verlangen die volle Aufmerksamkeit. Hier musst du für jeden Meter kämpfen. Ein paar Watt mehr auf der Uhr, aber vorwärts kommst du nicht.
Zusätzlich verabschiedete sich der Akku unserer Musikbox. Aber sie hatte gute vier Stunden ausgehalten und uns diesen einmaligen Sonnenaufgang versüßt. Versüßt war übrigens auch Lukas. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er bereits mit einer Vielzahl an Carbs und schaufelte alles rein, was er vor den Rüssel bekam.
Die letzten Meter hatten Spuren an ihm gelassen. Sein Blick, bereits etwas leer nach vorne gerichtet, er kämpfte. Die Lunte brannte allerdings lichterloh. Ich hatte sie sprichwörtlich in Benzin getaucht und angesteckt. Schon wieder, dachte er sich sicherlich.
Von den Salinenfeldern ging es in einen Vulkan-Nationalpark. Klingt steil, ist es auch. Lukas blieb keine Zeit zum Verschnaufen. Nach einer kurzen Bergabpassage näherten wir uns dem nördlichen Ende der Insel, der Stadt Corralejo. Der Blick auf Lanzarote an diesem Tag war einwandfrei. Keine Wolke am Himmel.
Wir drehten unsere Richtung. Bilderbuchartige Strände, vereinzelt ein paar Surfer. Endlich, jetzt kommt der versprochene Rückenwind.
Leider hatte Lukas diese Gleichung ohne eine weitere 20 Kilometer lange Washboard-Sektion gemacht. Traumhafte Kulisse, knallharter Untergrund im Wechsel mit Sandabschnitten. Dort hatte der Inselwind scheinbar eine ganze Menge Sand auf die Gravelstraße geweht.
Ich hatte unglaublich viel Spaß. Das Rad unter mir arbeitet, der Wind kommt von hinten und der Himmel könnte blauer nicht sein. Lukas hingegen ging durch die Hölle. Jeder Schlag vom Untergrund ging voll durch und nahm ihm immer mehr Energie. Seinem Gesichtsausdruck nach wird er diesen Abschnitt lange nicht vergessen und sicher auch nie wieder fahren wollen. So unterschiedlich können Wahrnehmungen dann doch sein.
Lukas am Limit
Am Ende waren es rund 50 Kilometer direkt am Meer entlang. Lukas komplett am Ende. Nichts ging mehr und so musste ich ihn schweren Herzens am Ende dieses Abschnitts, nach rund 160 gefahrenen Kilometern, zurücklassen. Mann am Boden, leer und ausgelaugt, aber dann doch scheinbar happy, dabei gewesen zu sein.
Mit Lukas kann ich solche Sachen machen, war auch nicht unsere erste Aktion und Gerüchten zufolge findet auch er diese Dinge immer sehr schön. Das rede ich mir zumindest ein. Dieser Bruder einer anderen Mutter kann damit umgehen.

Allein auf der Insel
Kurzer Faktencheck: Noch rund 240 Kilometer zu fahren und ab jetzt alleine. Nur ich, mein Bike und eine verdammt gute Playlist.
Selbst beim Schreiben spüre ich noch die Gänsehaut, die Momente wie dieser mit mir machen. Von jetzt an war das nächste Ziel der südlichste Teil der Insel, genauer gesagt der Leuchtturm Faro de Jandia am anderen Ende der Insel.
Zwischendrin noch ein kurzer Abstecher über die Bergkette nach Cofete. Sonnenuntergang auf dem Weg zurück zum Playitas. Und so wurde es auch umgesetzt.
Cofete – dafür macht man das
Ich kann euch sagen, der Ritt nach Cofete dürfte in meine persönliche Top 10 der Gravelbike-Momente eingehen. Du quälst dich bei unter 10 km/h im Gegenwind diesen steilen Anstieg hoch. Unter dir rollt es einfach gar nicht. Jeder Meter ist zäh.
Doch dann: Du kommst oben an. Die Sonne ist kurz davor, ins Meer zu krachen. Die Wolken sind wieder lila und du schaust runter. Endlose Weiten. Der Horizont ist so weit weg, wie er es lange nicht war.
Du fährst über diese Kuppe. Es ist perfekt. Es ist der Moment, für den es jede Millisekunde wert war, dranzubleiben.
Du spürst den Wind, schmeckst etwas Salz in der Luft. Es ist einmalig. Für Momente wie diesen stehe ich morgens auf und lebe.
Besser wird es heute nicht mehr (ja okay, vielleicht abends am Buffet … aber das ist ein anderes Thema). Den Schwung über die Kuppe mitnehmen und runter nach Cofete. Kurz bis zum Strand runter, abhaken und denselben Weg wieder hoch, um dann auf direktem Weg zum Leuchtturm zu steuern.
Ganz im Süden: Wendepunkt
Halt, ganz im Süden ist es noch nicht vorbei. Es gibt noch einen kleinen Fleck Erde, der noch weiter weg ist. Punta Pesebre. Das nehme ich noch mit. Hier ist jetzt der Wendepunkt. Es geht zurück.
Die ersten Meter habe ich Rückenwind. Ich fliege. Adrenalin mischt sich ein. Die Kurbel dreht regelrecht von alleine. Es könnte unendlich so weitergehen.
Am Leuchtturm angekommen, versinkt die Sonne endgültig im Meer. Es wird komplett still um mich herum. Die ersten Sterne tauchen auf am Himmel. Hier im Süden siehst du sie besonders gut. Ein Traum, der Realität ist. Wahnsinn.
Abend, Dünen und verlorenes Buffet
Die Ohrfeige der Realität lässt allerdings nicht lange auf sich warten. Dünen und Laufpassagen der Playa de Esquinzo. Nach 320 Kilometern ist das zwar nur eine weitere Herausforderung, aber eine, die zäh ist. Ich verliere gefühlt unendlich viel Zeit. Das Zeitlimit für das abendliche Buffet verabschiedet sich langsam aus meiner Wunschliste. So ein Mist. Aber das gehört dazu, das sind die Opfer, die du halt bringen musst für Sonnenaufgänge und grandiose Untergänge. Helden sterben eben nicht im Wohnzimmer.
Zurück am Playitas
Inzwischen ist es 22 Uhr und ich rolle den roten Radweg zum Hotel runter. Hier hat heute Morgen, vor rund 16,5 Stunden, alles begonnen. Jetzt bin ich wieder da. Geschafft.
Fuerte ist erkundet. 392 Kilometer später habe ich nämlich alles gesehen. Ich bin glücklich und frisch verliebt in diese Insel. Gravel-Paradies. Aber sagt es bitte nicht weiter, es bleibt unser Geheimnis.
Anmerkung
Ein gutes Café habe ich an diesem Tag nicht erkundet. Mit einer Gesamtstandzeit von unter zehn Minuten über die 16 1/2 Stunden war dafür einfach keine Zeit. Aber die Zeit habe ich mir in den Tagen darauf genommen. Und ich kann euch sagen: Auch das kann Fuerteventura!
Vielen Dank an dieser Stelle an Alex und meinen Bruder Patrick, die den ganzen Tag im Auto verbracht haben. Das Ergebnis könnt ihr auf YouTube anschauen.
Bis bald, Seb
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Sebastian Breuer






















